ON1 Photo RAW ist eine All-in-One-Fotosuite für RAW-Entwicklung, Bildverwaltung und kreative Bildbearbeitung. Das Programm richtet sich vor allem an Fotografen, die eine Alternative zu Adobe Lightroom und Photoshop suchen, ohne auf Ebenen, Masken oder moderne AI-Funktionen verzichten zu müssen.
ON1 kombiniert klassische Fotoentwicklung mit Effektfiltern, lokalem Asset-Management und zunehmend AI-basierten Werkzeugen. Der Ansatz ist ambitioniert, wirkt aber stellenweise wie mehrere Programme unter einer Oberfläche.
Funktionen & Features
Der Kern von ON1 besteht aus drei Bereichen:
RAW-Entwicklung
Bildverwaltung
kreative Bearbeitung mit Ebenen und Effekten
Die RAW-Engine liefert solide Ergebnisse bei Belichtung, Farben, Dynamik und Schärfe. Besonders praktisch ist, dass ON1 non-destruktiv arbeitet und viele Bearbeitungsschritte flexibel kombinierbar bleiben.
Wichtige Funktionen:
RAW-Entwicklung
Ebenen und Masken
lokale Anpassungen
Presets und LUTs
HDR- und Panorama-Funktionen
Focus Stacking
KI-gestützte Auswahlwerkzeuge
Retusche- und Portraitfunktionen
Katalogfreie Bildverwaltung
Im Unterschied zu Lightroom setzt ON1 stärker auf eine klassische Ordnerstruktur statt auf einen zwingenden Katalogworkflow. Das gefällt vielen Fotografen, die ihre Dateien selbst organisieren wollen.
Der AI-Bereich wurde in den letzten Versionen massiv ausgebaut. Dazu gehören:
automatische Motiverkennung
Himmelstausch
AI Masking
Rauschreduzierung
Schärfung
Portrait-Retusche
Die Ergebnisse schwanken allerdings je nach Motiv deutlich. Himmel und klare Freistellungen funktionieren meist gut. Haare, transparente Stoffe oder komplexe Kanten sind deutlich weniger zuverlässig als bei Adobe.
Generative AI im Sinne von Photoshop Generative Fill oder Stable-Diffusion-Integration spielt bei ON1 bisher kaum eine Rolle. Die AI-Funktionen dienen primär der Automatisierung klassischer Fotobearbeitung.
Stärken
ON1 ist besonders interessant für Fotografen, die möglichst viel in einer einzigen Software erledigen wollen.
Der größte Vorteil gegenüber Lightroom:
Ebenen und lokale Bearbeitung sind wesentlich flexibler integriert. Viele Aufgaben, die bei Adobe einen Wechsel zu Photoshop erfordern würden, lassen sich direkt in ON1 erledigen.
Praktisch im Alltag:
schnelle Beauty-Korrekturen
Dodge & Burn
Textur-Arbeit
kreative Looks
Overlay-Composites
Portrait-Retusche
Auch die Preset- und Effektverwaltung gehört zu den besseren Lösungen im Markt. Wer gerne mit Looks arbeitet, bekommt hier deutlich mehr kreative Freiheit als bei vielen klassischen RAW-Konvertern.
Die katalogfreie Nutzung ist ebenfalls ein echter Vorteil. Gerade Fotografen mit bestehenden Ordnerstrukturen oder NAS-Workflows müssen ihre Arbeitsweise nicht komplett umstellen.
Positiv fällt außerdem auf, dass ON1 vergleichsweise offen gegenüber unterschiedlichen Arbeitsweisen bleibt. Das Programm versucht nicht, Nutzer in ein starres Cloud-Ökosystem zu drücken.
Schwächen
ON1 wirkt teilweise überladen.
Die Software versucht RAW-Entwicklung, Photoshop-Ersatz, Asset-Management und AI-Tool gleichzeitig zu sein. Dadurch leidet stellenweise die Übersichtlichkeit der Oberfläche.
Performance bleibt ein Dauerthema. ON1 ist zwar besser geworden, fühlt sich aber gerade bei großen RAW-Dateien oder komplexen Masken oft träger an als Lightroom oder Capture One. Besonders beim Wechsel zwischen Modulen entstehen immer wieder kurze Verzögerungen.
Auch die AI-Werkzeuge wirken teilweise unfertig. Manche Funktionen liefern beeindruckende Ergebnisse, andere scheitern bereits an einfachen Motivkanten. Der Qualitätsunterschied zwischen Marketing-Demos und realen Problemfällen ist sichtbar.
Weitere Schwächen:
gelegentliche UI-Unruhe
inkonsistente Bedienlogik zwischen Modulen
hoher Hardwarebedarf
Vorschau-Rendering manchmal langsam
manche Updates bringen neue Bugs mit
Die Farbwiedergabe und Detaildarstellung erreichen zudem nicht immer das Niveau von Capture One, besonders bei schwierigen Hauttönen oder sehr feinen Texturen.
Für professionelle High-End-Retusche bleibt Photoshop weiterhin klar überlegen.
Für wen ist das Tool geeignet?
ON1 eignet sich gut für:
ambitionierte Fotografen
Portrait- und Fashionfotografie
kreative Bildlooks
Lightroom-Aussteiger
Nutzer ohne Interesse an Adobe-Abos
Fotografen mit lokalem Dateimanagement
Weniger geeignet ist es für:
Studio-Workflows mit maximaler Farbpräzision
High-End-Commercial-Retusche
sehr große Bildarchive mit maximaler Geschwindigkeit
Designer mit starkem Fokus auf Grafikdesign
moderne generative AI-Workflows
AI-Artists profitieren eher indirekt. ON1 eignet sich gut zur Nachbearbeitung generierter Bilder, ersetzt aber keine eigentliche AI-Produktionsumgebung.
Einordnung im Markt
ON1 sitzt zwischen Lightroom, Luminar Neo und teilweise Photoshop.
Im Vergleich zu Lightroom bietet ON1 deutlich mehr kreative Werkzeuge direkt im RAW-Workflow, wirkt dafür aber weniger fokussiert und nicht ganz so performant.
Gegenüber Luminar Neo ist ON1 technisch deutlich umfangreicher und flexibler. Gleichzeitig wirkt Luminar für Einsteiger oft zugänglicher und stärker auf schnelle One-Click-Ergebnisse optimiert.
Capture One bleibt bei Farbverarbeitung, Studio-Workflow und professioneller Kontrolle weiterhin überlegen. ON1 punktet stattdessen eher mit Vielseitigkeit und kreativen Werkzeugen.
Der größte Unterschied zu Adobe:
ON1 versucht ernsthaft, ein eigenständiges Komplettpaket zu sein, statt nur ein Zusatztool im Creative-Cloud-Ökosystem.
Fazit
ON1 Photo RAW ist eine interessante Alternative für Fotografen, die Lightroom zu eingeschränkt und Photoshop zu überdimensioniert finden.
Die Software bietet ungewöhnlich viele kreative Möglichkeiten innerhalb eines einzelnen Programms. Besonders Ebenen, Masken und lokale Bearbeitung machen ON1 flexibler als viele klassische RAW-Konverter.
Gleichzeitig merkt man dem Programm an, dass sehr viele Funktionen parallel wachsen. Die Oberfläche wirkt teilweise unruhig, die Performance nicht immer sauber optimiert und einige AI-Features noch unausgereift.
Wer maximale Geschwindigkeit, absolute Farbkontrolle oder perfekte Stabilität erwartet, wird mit Capture One oder Adobe wahrscheinlich glücklicher.
Wer dagegen eine kreative, relativ offene und funktionsreiche Fotosuite ohne Cloud-Zwang sucht, bekommt mit ON1 eines der interessantesten Gesamtpakete außerhalb des Adobe-Kosmos.
Kurz zusammengefasst
Flexible Kombination aus RAW-Entwicklung und Ebenenbearbeitung
Gute kreative Werkzeuge direkt im Foto-Workflow
AI-Funktionen nützlich, aber nicht immer zuverlässig
Teilweise träge und überladen
Interessante Lightroom-Alternative für kreative Fotografen
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