Wer schon länger fotografiert, kennt das Spiel: Neue Kamera gekauft, RAW-Dateien in Lightroom geladen - und erstmal funktioniert gar nichts. Also wartet man auf Updates für Adobe Camera Raw, Capture One oder Darktable, weil wieder irgendein neues proprietäres RAW-Format unterstützt werden muss. Genau dieses Problem sollte DNG eigentlich schon vor Jahren lösen.
Das von Adobe entwickelte „Digital Negative“-Format wurde jetzt offiziell als ISO-Standard anerkannt. Eigentlich ein ziemlich grosser Schritt für die Fotografie. Denn damit existiert erstmals ein international standardisiertes RAW-Format, das langfristig kompatibel und dokumentiert bleibt. Trotzdem setzen Canon, Nikon und Sony weiterhin auf ihre eigenen Formate wie CR3, NEF oder ARW.
Und genau dort wird das Thema interessant. Denn bei DNG geht es längst nicht nur um Dateiendungen. Es geht um Kontrolle, Archivierung und die Frage, wem RAW-Daten am Ende eigentlich gehören.
Die Idee hinter DNG klingt zunächst logisch: Statt dass jeder Hersteller sein eigenes RAW-Süppchen kocht, gäbe es ein gemeinsames Format, das von praktisch jeder Software gelesen werden kann. Fotografen müssten sich weniger Gedanken um zukünftige Kompatibilität machen und Software-Entwickler könnten sich stärker auf Bildverarbeitung statt ständige Reverse-Engineering-Arbeit konzentrieren.
Vor allem bei der Langzeitarchivierung hat DNG echte Vorteile. Proprietäre RAW-Formate sind oft nur teilweise dokumentiert. Niemand weiss mit Sicherheit, ob sich bestimmte Dateien in 15 oder 20 Jahren noch problemlos öffnen lassen. DNG dagegen ist offen dokumentiert und inzwischen sogar offiziell standardisiert. Trotzdem verweigern sich die grossen Hersteller weiterhin konsequent.
Der Hauptgrund dürfte Kontrolle sein. Proprietäre RAW-Formate binden Nutzer indirekt an bestimmte Software-Ökosysteme und erlauben Herstellern, eigene Technologien exklusiv umzusetzen. Moderne RAW-Dateien enthalten inzwischen deutlich mehr als reine Sensordaten: Computational Photography, KI-Rauschreduzierung, Lens Corrections oder spezielle HDR-Informationen hängen oft tief am jeweiligen Kamerasystem.
Ein gemeinsamer Standard würde vieles vereinfachen – aber eben auch einen Teil dieser Kontrolle wegnehmen.
Dazu kommt ein Punkt, den viele Kritiker seit Jahren ansprechen: DNG stammt ursprünglich von Adobe. Selbst wenn das Format inzwischen standardisiert wurde, bleibt bei einigen Herstellern offenbar die Sorge bestehen, sich indirekt von Adobe abhängig zu machen. Gerade Unternehmen wie Canon oder Sony dürften wenig Interesse daran haben, einen Adobe-Standard zum Zentrum moderner RAW-Workflows werden zu lassen.
Für Fotografen bleibt die Situation deshalb weiterhin etwas absurd. Technisch existiert längst eine mögliche gemeinsame Lösung, praktisch arbeitet die Branche aber weiterhin mit dutzenden proprietären Varianten parallel.
Und genau deshalb ist die neue ISO-Zertifizierung trotzdem wichtig.
Denn selbst wenn Canon, Nikon oder Sony morgen nicht plötzlich auf DNG umsteigen, erhöht die Standardisierung den Druck auf die Industrie. Gleichzeitig stärkt sie Archivierungs- und Open-Source-Projekte, die seit Jahren versuchen, RAW-Daten langfristig unabhängig nutzbar zu halten.
Vielleicht wird DNG nie das „eine RAW-Format für alle“. Aber die Diskussion darüber dürfte jetzt erst richtig anfangen.
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